Shanghai Baby

Shanghai Baby von Wei Hui

Shanghai Baby von Wei Hui

Der erotische Untergrundroman aus China: Als die Schriftstellerin Coco dem Berliner Mark begegnet, läßt sie sich mit ihm auf eine wilde Beziehung ein, die ihr ganzes Leben auf den Kopf stellt …

Als besonders erotisch würde ich „Shanghai Baby“ jetzt nicht bezeichnen. Sicher, die Protagonistin hat relativ viel Sex, aber erotisch … nein! Trotzdem hat dieser Roman in China eingeschlagen wie eine Bombe. Erst war er sehr erfolgreich, dann wurde er verboten und sogar verbrannt. Aber das ganz sicher nicht, wegen der vielen sexuellen Anspielungen (auch wenn die kommunistische Partei in China schon recht prüde ist).

Anders als „Die Klagen von Henan“, das uns den (immer noch primitiven) Alltag der chinesischen Landbevölkerung zeigt, führt uns „Shanghai Baby“ mitten ins Herz der Großstadt. Shanghai ist die Stadt, in der Chinas Öffnung im Bereich des Handels und der Wirtschaft am weitesten fortgeschritten ist. Daher ist es vielleicht kein Wunder, daß die Figuren, die uns in diesem Buch begegnen, mitten im Business-Leben stehen oder davon profitieren. Dabei werden auch ganz offen und wie alltäglich die Schattenseiten dieser Entwicklung angesprochen: Junge Chinesen, die als Kinder reicher Eltern nicht arbeiten sondern ihrer Familie auf der Tasche liegen (und dafür noch nicht einmal sonderlich dankbar sind), Promiskuität, Hinwendung zum Westen, Drogen und Arbeitslosigkeit. Aber auch die erstarkende Stellung ausländischer Investoren und Geschäftsleute, die teilweise durchaus auf die Chinesen hinunter schauen und sie mit Kolonialistenmentalität behandeln, wird immer wieder erwähnt. Klar, daß die chinesische Regierung so etwas nicht veröffentlicht haben möchte.

Der Roman selbst ist ganz gut zu lesen, auch wenn die vielen narzisstischen Ausbrüche der Protagonistin (ganz klar das Alter Ego der Autorin Wei Hui) schon ab und zu nerven. Trotzdem gewinnt man sie und ihre Clique lieb, was vor allem an ihrer naiv-enthusiastischen und gleichzeitig durchaus zynischen Weltsicht liegen mag. Und ich verzeihe jemandem, der so ganz offensichtlich an den selben Autoren, Musikern und Malern Freude hat wie ich, dann auch gerne seinen Narzissmus. Das wirklich große Plus des Buches ist sein Ende. Nicht nur, daß es ziemlich schlecht ausgeht. Es zeigt auch deutlich die Zerissenheit der Protagonistin, ja vielleicht der ganzen chinesischen Gesellschaft.

Ich bin gespannt ob Wei Hui noch weitere Bücher veröffentlichen wird. Der unterschwellige Zynismus, der in ihrem Werk mitschwingt, und die harsche Poesie, die sie an vielen Stellen entwickelt, lassen auf alle Fälle auf mehr hoffen.

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