Die Akazie

Die Akazie von Claude Simon

Die Akazie von Claude Simon

„Die Akazie“ ist schon wieder ein Buch der SZ-Bibliothek, das den Krieg zum Thema hat, bzw. gleich beide Weltkriege des letzten Jahrhunderts. Das ist schon der fünfte Band der Reihe, in dem der Krieg eine große Rolle spielt (und es wird nicht der letzte bleiben).

Ein namenloser französischer Soldat ist im August 1939 mit dem Zug auf dem Weg zur Front. Während der Fahrt legt er sich Rechenschaft ab über sein – wie er glaubt nutzloses – Leben. An den Vater, der schon 1914 im Ersten Weltkrieg gefallen ist, hat er keine Erinnerungen mehr; nur der vergeblichen Suche nach dessen sterblichen Überresten, auf die er sich als Sechsjähriger mit seiner Mutter begeben hat, kann er sich entsinnen. Ihm scheint, als habe er sein Leben lang nur von einer Uniform in die nächste gewechselt: von der seiner Schule in die Kluft der Anarchisten, von der Uniform des Spanienkämpfers zu der Tracht des avantgardistischen Malers. Jetzt, wo er den Tod vor Augen sieht, begreift er, daß er immer nur Rollen gespielt hat. Sein Leben droht zu enden, bevor es richtig begonnen hat. Doch er überlebt den Fronteinsatz und gerät zunächst in deutsche Gefangenschaft, aus der er schließlich fliehen kann. Das Erlebnis des Krieges aber läßt ihn nicht mehr los, und er beginnt, seine Erfahrungen aufzuzeichnen. Dabei beschreibt er nicht nur sein eigenes Schicksal, sondern erforscht auch das seines Vaters, der dreißig Jahre vor ihm im Ersten Weltkrieg gekämpft hat und zu dessen Opfer geworden ist. So sind seine Aufzeichnungen eine literarische Annäherung an die Sinnlosigkeit der Gewalt, eine autobiographische Spurensuche, in der der Sohn stellvertretend für den Vater und für zwei Generationen das Trauma des Krieges vergegenwärtigt.

Und in kaum einem anderen Buch wird dieses Trauma des Krieges so unmittelbar, so direkt und so hautnah vermittelt. Dabei bedient sich Claude Simon einer Sprache, die extrem experimentell ist. Er verwendet ungeheuer lange Sätze, die durch Klammern und Bindestriche gedanklich unterteilt werden, dem Leser aber das Leben trotzdem gehörig schwer machen.

Hat man sich aber einmal auf diese Satzungetüme eingelassen, verliert man sich in ihnen. Simons Text entfaltet eine Sogwirkung, die einen in den Bann zieht. Manchmal mußte ich mich beim Lesen zurücklehnen, um wieder tief durchatmen zu können. Denn die Beschreibungen der Kriegshandlungen sind so bar jeglichen Heroismus‘, so ungeheuerlich realistisch und bedrückend, daß man wohl nur in solch ungeheuerlichen Sätzen darüber schreiben kann:

Man hört nicht mehr schießen. Kauernd jetzt betrachtet er um sich herum die auf dem Weg und zu beiden Seiten in den Feldern verstreuten Körper der getöteten Pferde und Reiter, läßt seine Augen einen Augenblick auf dem Mann ruhen, der zu ihm spricht (oder vielleicht schreit er?) und, auf der Böschung des Straßengrabens sitzend, mit einer Hand seinen anderen blutigen Arm stützt, sieht ihn noch einen Augenblick an, wobei er nicht einmal zu verstehen sucht, was der Verwundete ihm zu sagen versucht (oder nicht versucht: vielleicht mit sich selbst spricht – oder schreit -, den Mund vor Schmerz verzerrt – oder vor Zorn, als ob er Schmähungen brüllte), dann, ohne daß er sich später erinnert, den Entschluß gefaßt zu haben, springt er auf, rennt jetzt, gebückt, wobei sich seine Beine mit rasender Geschwindigkeit unter ihm bewegen, zu der Heckeentlang der Wiese, die sich am Hang der Talmulde hinaufzieht. Es wird nicht sofort geschossen, und als das Schießen einsetzt, geschieht es gleichsam nachlässig, zerstreut. sozusagen ohne Überzeugung, als handle der Schütze reflexhaft, ohne genau zu zielen (aber vielleicht schießt man ja gar nicht auf ihn), da er keine Kugel pfeifen hört, nur das abgehackte, ziemlich langsame Knattern des Maschinengewehrs hört, auch dieses gleichsam der Form halber, belanglos, ziemlich weit entfernt, so scheint es, zumindest soweit er es im Tosen seines Bluts und seines Atems beurteilen kann, worauf er sich auf die Hecke stürzt, hinüberkippt, auf der anderen Seite mit den Händen aufkommt, seine Beine nachzieht, dies im Bruchteil einer Sekunde, dann geduckt verharrt, ohne Bewegung, betäubt von dem jetzt ungeheueren Lärm seines fliegenden Atem, des Bluts, das in seinen Ohren pocht.

Es ist vielleicht diese absolute Innensicht, die „Die Akazie“ so erschreckend, so verstörend macht. Definitiv extrem schwere Kost!

Advertisements

Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: