Der Verfolger

Der Verfolger von Julio Cortázar

Der Verfolger von Julio Cortázar

Ich bin seit langem ein großer Fan von Charlie „Bird“ Parker. Deshalb habe ich mich auch auf „Der Verfolger“ von Julio Cortázar besonders gefreut, ist dieses Buch doch quasi eine Biographie von Parker:

Johnny Carter ist ein begnadeter Jazzmusiker, ein avantgardistischer Pionier neuer Stilrichtungen. Doch seine Genialität hat ihren Preis: So unnachgiebig er nach dem perfekten Jazz sucht und die reine, absolute Musik verfolgt, so rücksichtslos zerstört er sich selbst auf dieser Suche. Es scheint, als erkaufe sich der Saxophonist seine revolutionären Klänge durch einen teuflischen Pakt, der ihn in eine selbstzerstörerische Drogensucht führt. Der Erzähler in Cortázars Geschichte beobachtet den rasenden Untergang des Jazzmusikers mit einer Mischung aus Verzweiflung und Faszination. Zum einen ist er Carters Freund und will ihn retten, zum anderen ist er auch dessen Biograph und weiß, daß Carters geniale Musik erst durch dessen Selbstaufgabe möglich wird. Was wiegt schwerer: das Leben eines Einzelnen oder die absolute Kunst?

Julio Cortázars Erzählung „Der Verfolger“ (1958) ist die nur leicht verhüllte Biographie des Ausnahmemusikers Charlie Parker, der in den 40er und 50er Jahren die Jazzmusik revolutionierte. Sie bietet einen idealen Zugang zu Cortázars surrealen Welten und phantastischen Seelenlandschaften und fesselt den Leser bis zum Schluß mit immer neuen bizarren Einfällen.

Und keine Frage, „Der Verfolger“ ist ein absolut geniales Buch, auch wenn der Klappentext wieder einmal etwas irrführend ist. Sicher, der Biograph hat ab und zu Schuldgefühle, wirft sich vor, dem Freund nicht mehr beigestanden zu sein, nicht mehr darauf geachtet zu haben, daß er keine Drogen nimmt. Aber ihm ist auch deutlich bewußt, daß jeder Herr seines eigenen Schicksals ist, und letztendlich selbst für sich verantwortlich.

So ist „Der Verfolger“ vor allem die Aufzeichnung einiger Episoden aus einem ungewöhnlichen Leben eines außergewöhnlichen Künstlers. Nicht nur wegen seiner musikalischen Virtuosität oder seiner Drogensucht aber ist Johnny Carter anders als die anderen. Sein Leben findet komplett neben oder außerhalb der Wirklichkeit „normaler“ Menschen statt. Und beim Lesen einiger Selbstaussagen des Künstlers kann man sich nicht verwehren darüber nachzudenken, mit welcher geistigen Störung man es genau zu tun hat (ich denke, Schizophrenie):

„Kaum anderthalb Minuten in deiner Zeit und in der Zeit von der da“, sagte Johnny grollend. „Und auch nach der Uhr der Metro und nach meiner Uhr, zum Teufel mit ihnen. Wie ist es dann möglich, daß ich eine Viertelstunde lang gedacht habe, sag mal, Bruno. Wie kann man in anderthalb Minuten eine Viertelstunde lang denken? Ich schwöre dir, daß ich an dem Tag nicht ein Blättchen, nicht ein Bröselchen geraucht habe“, fügte er, wie ein Kind sich entschuldigend, hinzu. „Und dann ist es mir wieder passiert, und jetzt passiert es mir überall. Aber“, sagte er listig, „nur in der Metro kann ich es merken, denn in der Metro fahren ist wie in einer Uhr stecken. Die Stationen sind die Minuten, verstehst du, das ist eure Zeit, die jetzige; aber ich weiß, daß es eine andere gibt, und ich hab darüber nachgedacht und nachgedacht …“

Es ist einfach unglaublich, wieviel in diesem kleinen Bändchen mit seinen nicht einmal 100 Seiten steckt! So viele Ideen, so viel pulsierendes Leben, Tragödie und Kommödie, Künstlerportrait und scharfe Beobachtung des Künstlerumfelds, der Pariser Bohème. Absolut unbedingt lesen!

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