Das Attentat

Das Attentat von Harry Mulisch

Das Attentat von Harry Mulisch

Anton Steenwijk ist noch ein Junge, als das nationalsozialistische Deutschland die Niederlande besetzt. Als Widerstandskämpfer einen Offizier der holländischen Faschisten erschießen und den Leichnam vor dem Haus seiner Eltern ablegen, sind die Folgen für Anton dramatisch. Die Deutschen stecken sein Elternhaus in Brand, und Anton wird von seinen Familienangehörigen getrennt, die noch an Ort und Stelle umgebracht werden. Er wächst fortan bei einem Onkel auf und beginnt nach und nach, die Ereignisse zu verdrängen. Selbst als er nach Kriegsende vom schrecklichen Los seiner Angehörigen erfährt, verspürt er keinen Drang, die Täter ausfindig zu machen und zur Rechenschaft zu ziehen. Seine Berufswahl wirkt geradezu symbolhaft: Er arbeitet als Anästhesist, aber eigentlich, so scheint es, will er seine eigene traumatisierte Erinnerung betäuben. Doch immer wieder wird er mit der Vergangenheit konfrontiert, bis er eines Tages die Augen nicht mehr verschließen kann.

Mulischs Roman „Das Attentat“ (1982) ist eine meisterhaft erzählte Parabel vom Erinnern und Verdrängen, von kollektiver Schuld und individuellen Traumata. Sie ist spannend wie eine Detektivgeschichte und war der wohl größte literarische Erfolg in den Niederlanden der 80er Jahre.

Das vierte Buch der SZ-Bibliothek, das sich mit Krieg und den Folgen des Krieges beschäftigt. Dieses Mal aus der Sicht der Besetzten, der Niederländer. Harry Mulisch schafft es in „Das Attentat“, auf beeindruckende Weise zu demonstrieren, wie die Besatzung die Leute verändert. Kollaborateure, einfache Menschen, Opfer, sie alle werden vom Krieg, von der Besatzung berührt, verändert, geformt. Oft, ja meistens, zum Schlechteren.

Besonders beeindruckend an „Das Attentat“ ist, daß dieses Buch auch die Folgen des Krieges, seine Nachwirkungen in einer Gesellschaft beleuchtet. All die Täter und Opfer von damals (wobei die Grenzen zwischen Täter und Opfer beim genauen Hinsehen immer mehr verschwimmen) begegnen sich mit der Zeit wieder. Wahrheiten werden enthüllt, Legenden werden als das entlarvt was sie wirklich waren, und am Ende wird selbst der wie schlafwandlerisch durch sein Leben gehende Anton Steenwijk mit dem konfrontiert, das er nie wissen wollte.

Für mich ist in „Das Attentat“ immer wieder spürbar, daß Mulisch die Haltung seiner Landsleute zum 2. Weltkrieg oft sauer aufgestoßen sein muß. Es ist wie ein Befreiungsschlag, wenn er in seinem Buch ihnen endlich einen Spiegel vorhält. „Schaut, auch ihr ward Täter, ward verwickelt, und nein, auch der Widerstand war nicht nur heldenhaft, auch der Widerstand hat zivile Opfer billigend in Kauf genommen“, hört man ihn rufen.

Ein mutiges Buch, das auch in Hinblick auf die aktuelle Debatte zeigt, wie politisch Autoren sein können, wie sehr einige von ihnen Stellung beziehen. Und sei es „nur“ um an Dinge zu erinnern, die keiner hören möchte. Hut ab, Harry Mulisch!

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