Der weise Regenbaum / Der Sündenbock

Der weise Regenbaum / Der Sündenbock von Kenzaburo Oe

Der weise Regenbaum / Der Sündenbock von Kenzaburo Oe

Von Kenzaburo Oe hatte ich vor „Der weise Regenbaum / Der Sündenbock“ noch nichts gelesen und war entsprechend gespannt. Vor allem, da es im Vorwort heißt:

Die komplizierte, von Selbstentfremdung bedrohte Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft, die Suche nach Identität und Selbstverwirklichung sind zentrale, immer wieder variierte Themen im Schaffen des japanischen Autors Kenzaburo Oe. So sind die beiden Prosatexte dieses Bandes in Charakter und Aussage grundverschieden. In der Kurzgeschichte „Der kluge Regenbaum“ erzählt ein japanischer Schriftsteller von einem Besuch auf Hawaii. Ein internationales Seminar, das unter dem Thema „Rückbesinnung auf kulturelle Kontakte und Traditionen“ steht, überzeugt ihn ironischerweise von den begrenzten Möglichkeiten menschlicher Kommunikation. Seine Erlebnisse auf einer ungewöhnlichen Party, die auch Teil eines Geiseldramas sein könnte, rufen ihm die Unzulänglichkeit des Menschen ins Bewußtsein, während ihm der kluge Regenbaum als vollkommenes Wesen erscheint. Daß Oe die Natur nicht idealisiert, zeigt sein parabelähnlicher Kurzroman „Der Sündenbock“. Hier ist der Erzähler ein Arzt, der als Kind bei einer Hochwasserkatastrophe die Eltern verlor und seine Ausbildung der Dorfgemeinschaft auf Shikoku verdankt. Das daraus entstehende, durch die lokale religiöse Tradition modifizierte und für die japanische Gesellschaft charakteristische Abhängigkeitsverhältnis stürzt ihn in eine tiefe Krise. Er schwankt zwischen Pflichtgefühl und der nicht unbegründeten Furcht, vereinnahmt und zum Sündenbock gemacht zu werden ein Konflikt, dem er sich durch die Flucht nach Mexiko zu entziehen glaubt.

Der weise Regenbaum hätte mir dann aber fast den kleinen Band wieder verdorben. Die erste Geschichte ist nämlich nicht nur der Seitenanzahl nach deutlich schwächer als die zweite. Die Pointe war zumindest für mich von Anfang an ziemlich klar ersichtlich und viel zu offenkundig vorbereitet. Lediglich die Beschreibung des Regenbaums, überhaupt die Schilderung von Stimmung und Szenerie waren so gekonnt, daß ich weitergelesen habe.

Schon die Erzähltechnik von Der Sündenbock faszinierte mich dann von Anfang an. Die ganze Geschichte ist ein Monolog, die der namenlose Arzt seinem ebenso namenlosen Patienten, einem japanischen Professor, hält. Ihm erzählt er seine Lebensgeschichte. Dabei läßt Oe es völlig offen, ob die Dorfgemeinschaft, vor der der Arzt geflohen ist, ihn und seine Verwandten tatsächlich als Opfer vorgesehen hatten, oder ob all dies nur in der Einbildung des Mannes passiert. Letzteres ist wahrscheinlicher (zumal der Protagonist selbst von Verfolgern und der Flucht in seinem Kopf spricht), aber wer weiß … Sehr schön auf alle Fälle das Ende, das so ganz anders ist als ich es erwartet hätte!

Ich werde ganz sicher in Zukunft noch das eine oder andere Buch von Kenzaburo Oe lesen, um festzustellen, welche der beiden Geschichten typischer war für sein Gesamtwerk.

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