Was für ein schöner Sonntag!

Was für ein schöner Sonntag! von Jorge Semprún

Was für ein schöner Sonntag! von Jorge Semprún

Ein Wintersonntag im Konzentrationslager Buchenwald, wenige Monate vor Kriegsende. Der Häftling mit der Nummer 44904 (S) steht in Gedanken versunken vor einer großen Buche. Wie kurz ist doch der Weg von diesem Ort des Schreckens zum Weimar Goethes, wie nah liegt der Ort der nationalsozialistischen Barbarei an der Wirkungsstätte der größten deutschen Dichter und Denker! Irgendwo hier, ganz in der Nähe, muß Goethe sein berührendes Gedicht „Wanderers Nachtlied“ geschrieben haben, unter Bäumen wie diesem muß er mit seinem Vertrauten Eckermann spazieren gegangen sein… So träumt sich der junge, belesene Häftling fort vom Ort des Grauens, bis ein SS-Mann ihn unsanft wieder in die grauenvolle Realität zurückstößt.

Der Roman „Was für ein schöner Sonntag!“ (1980) ist eine eindringliche Autobiographie Jorge Semprúns, die keinen unberührt läßt. In ihr beschreibt der spanische Schriftsteller den Alltag im Konzentrationslager, die Spannungen zwischen den Häftlingen, die Furcht vor der SS und die Versuche, trotz allem die persönliche Würde zu bewahren. Dabei weitet sich der Bericht zu einer umfassenden Lebensgeschichte des Autors aus, in der sich die Erinnerungen an die Kriegszeit mit denen an das Studium in Paris, an die Zeit als Widerstandskämpfer und an die heimlichen Reisen in den Ostblock nach Kriegsende zu einem faszinierenden Kaleidoskop politischem Lebens im zwanzigsten Jahrhundert zusammensetzen.

Jorge Semprúns Erinnerungen, sein autobiographischer Roman „Was für ein schöner Sonntag!“ ist weit mehr als ein Buch über das KZ. Semprún schreibt über sein Leben, von seinen politischen Anfängen im spanischen Bürgerkrieg, seiner Arbeit im französischen Widerstand, seine Inhaftierung in Buchenwald, seiner Arbeit (illegal und im Untergrund) für die spanische kommunistische Partei und schließlich seiner Abkehr vom Kommunismus. Gleichzeitig ist „Was für ein schöner Sonntag!“ ein Buch, das ganz und gar von den Erlebnissen im KZ durchdrungen ist (auch wenn der Autor selbst das vehement leugnet).

Schon allein das Thema des Buches verrät, daß es nicht einfach ist. Dazu kommt noch Semprúns sprunghafte Erzählweise, die von einem Jahr zum nächsten, vorwärts und rückwärts durch die Zeit springt. Namen tauchen auf, Ereignisse, die der Leser kennen muß (oder nachschlagen), gleichzeitig wird oft und sehr tiefgehend auf Literatur verwiesen, zitiert, parodiert. Ein anstrengendes Buch also, ein Buch, das man nicht leicht und nebenbei liest.

Und dann natürlich der emotionale Inhalt. An vielen Stellen des Buches krampft sich eine beklemmende Hand ums Herz des Lesers, manchmal ist das Weiterlesen fast nicht möglich, das Buch unerträglich. Wenn ganz am Ende zum Beispiel ein Gespräch mit der Tochter eines im KZ verstorbenen Mannes geschildert wird und begreiflich wird, daß er zwar mit ihr aber nicht mit seinem eigenen Sohn (dem das Buch gewidmet, für den das Buch geschrieben ist) über diese Dinge sprechen kann, weil es zu nahe geht und so privat ist, das man nur mit Fremden darüber sprechen kann. Oder der Rauch aus dem Krematorium, der in den KZ-Szenen banal und alltäglich immer wieder am Rande wie selbstverständlich erwähnt wird. Die Sache mit den Schneeflocken …

Ich dachte an nichts Besonderes, glaube ich mich zu erinnern. Ich dachte nur daran, der gehetzten, drängelnden Menge der Reisenden zu entkommen und mit großen Schritten den Ausgang des Bahnhofs zu erreichen. Ich war am unüberdachten Teil des Bahnsteigs ausgestiegen, als ich von dem Flockenwirbel eines unerwarteten Schneegestöbers überrascht wurde. Eine krächzende Stimme hat irgend etwas im Lautsprecher angesagt, bestimmt die Abfahrt oder Ankunft eines Zuges. Ich habe jäh den Kopf gehoben. Pochenden Herzens, noch ehe ich gewußt habe warum. Da habe ich diesen Schneeflockenwirbel gesehen, der seitlich vom Strahlenbündel der Scheinwerfer, von diesem Aufblitzen tanzenden und frostigen Lichts beleuchtet wurde.

Ich bin erstarrt, wie angewurzelt stehengeblieben, am ganzen Leibe zitternd.

Es sind diese Fetzen, dieser Schrecken im Alltäglichen, die dem Leser vor Augen führen, wie unvorstellbar grauenhaft dieses Leben im KZ gewesen sein muß. Dabei erschrickt er hier noch nicht einmal in Erinnerung an Buchenwald, sondern weil er davor Solschenizyn gelesen hat.

Das vor allem ist für mich das Herausragende an Semprúns Buch: Es ist schonungslos ehrlich. Die Häftlinge im KZ sind nicht alle hehre Widerstandskämpfer und leidende Opfer. Auch sie sind Egoisten, Intriganten, Verräter, sind Täter. Und die Wahrheit des Gulag wird ebensowenig ausgespart. Semprún ist nie ein Ja-Sager oder Abnicker gewesen, immer war er kritisch, denkend, hinterfragend. Die Realität der KZs steht bei ihm gleichberechtigt neben der Realität des Gulag, stand sie immer, auch und obwohl er Kommunist war und für die kommunistische Partei gearbeitet hat.

„Was für ein schöner Sonntag!“ ist ein schweres Buch, ein intellektuell wie emotional forderndes Buch. Und doch, nein gerade deshalb, ist es ein Buch, das gelesen werden sollte.

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