Die Reise nach Algerien

Die Reise nach Algerien von Marie Cardinal

Die Reise nach Algerien von Marie Cardinal

Algerien: einst französische Kolonie, heute ein selbständiges, afrikanisches Land. Für Marie Cardinal, die vielgelesene Autorin, aber ist Algerien: der Garten ihrer Kindheit mit all seinen Düften von Mispel und Eukalyptus und Jasmin.

Hier ist sie geboren als Tochter einer Kolonistenfamilie, hier ist sie aufgewachsen, zwischen zwei Kulturen, der französischen und der arabischen. Seit 1956, seit dem Algerienkrieg, fühlt sie sich entwurzelt, heimatlos: französische Araberin oder arabische Französin? Jetzt betritt sie zum ersten Mal wieder diese Erde, zusammen mit ihrer Tochter …

Eine lyrische Reise in die eigene Vergangenheit und zugleich in eine fremdartige Gegenwart.

„Die Reise nach Algerien“ ist ein Buch, das ich ohne BookCrossing nie gelesen hätte. Marie Cardinal kannte ich nämlich bislang überhaupt nicht als Autorin … zu meinem Schaden. Da ich aber im Moment eine große Vorliebe für Biographien habe und Mirka, die es vorher hatte, es im BookCrossing-Forum angeboten hat, ist es zu mir gekommen. Zufälle sind oft etwas Wunderbares!

Es ist nicht nur dieses wirklich interessante Projekt, das Cardinal in „Die Reise nach Algerien“ zu bewältigen versucht, was das Buch so faszinierend macht: Halb Tagebuch, halb poetische Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend in Algerien, springt sie immer wieder zwischen den Zeiten und kümmert sich dabei nicht darum, ob der Leser ihr folgen kann. Sie läßt sich instinktiv leiten von den Emotionen und Eindrücken auf ihrer Reise zurück in das Land ihrer Vergangenheit, wobei sie nur sehr langsam zum eigentlichen Grund dafür vordringt, warum dieses Land ihr so wichtig ist; ihre Mutter, wie sie es immer wieder nennt.

Noch bezaubernder aber als das eigentliche Geschehen, ist die Sprache, mit der Cardinal meisterhaft umzugehen weiß (und ich ziehe meinen Hut an dieser Stelle auch vor der Übersetzerin Andrea Spingler). Und es war schon auf der zweiten Seite, daß ich wußte, ich muß irgendwann mehr von dieser Autorin lesen:

Der Abend kommt, es ist nicht mehr so heiß, man hat gesprengt, es ist eine Erlösung. Ein Stuhl vor der Tür, auf der gestampften Erde, wo Ameisen herumlaufen, der Himmel ist rosa. Ich bin der Stuhl, die Schwelle, die Ameise. Kein Fleckchen dieses Bodens, das ich nicht kenne, dessen Erscheinung nicht schon lange überholt ist, weil sie nah und vertraut ist und etwas anderes anzeigt: die Stunde, das Wetter, die Jahreszeit … Kein Schatten, kein Geräusch, kein Hauch, der mir nicht die endlose Dauer und Beständigkeit meines Hierseins, an diesem Ort, bedeutet, wo jedes Element für den Augenblick unentbehrlich ist und ich für jedes Element.

So in der Sprache zu schwelgen, sie so virtuos zu beherrschen … ein Geschenk! (Und wunderbarerweise ein Geschenk, das nicht nur Marie Cardinal sondern auch ihren Lesern gemacht wurde.)

Die schönsten Sätze in diesem Buch aber stammen von Bénédicte Ronfard, die ihre Mutter auf ihrer Reise begleitet hat, und auf den letzten 14 Seiten des Buches ihre sehr persönlichen Gedanken darlegt. Sätze, die (hoffentlich) jedes Kind irgendwann in Bezug auf seine Eltern sagen kann:

[…] Was war meine Mutter für mich?

[…] Meine Mutter war die Wahrheit, das war sicher, nicht einmal der Schatten einer Wolke trübte diesen klaren Himmel. […]

Seit langem ahnte ich jenseits der Mutter eine Frau. Sie ist nicht mehr die Wahrheit. Sie ist ein Mensch mit all seiner Angst und Schönheit, seiner Zärtlichkeit und Härte.

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