Der Fangschuß

Der Fangschuß von Marguerite Yourcenar

Der Fangschuß von Marguerite Yourcenar

„Der Fangschuß“ von Marguerite Yourcenar und überhaupt das Werk von Marguerite Yourcenar ist etwas, das ich ohne die SZ-Bibliothek vielleicht nie entdeckt hätte. Und mein Leben wäre wesentlich ärmer gewesen, dieses Buch ist nämlich schlicht genial! Worum aber geht es?

1919 ist der Erste Weltkrieg zu Ende, doch im Baltikum dauert der Bürgerkrieg an. Während die Russische Revolution in vollem Gange ist, kommt der preußische Offizier Erich von Lhomond mit einem Trupp von Weißgardisten nach Kratovice. Dort begegnet er Konrad von Reval, einem Freund aus Jugendtagen, der mit seiner Schwester Sophie in einem verfallenen Schloß lebt. Zwischen den entwurzelten Protagonisten entwickelt sich eine ebenso heftige wie quälende Dreiecksbeziehung voller Erotik und unerfüllter Begierde. Immer wieder sieht sich Sophie von Erich zurückgewiesen, der sich anscheinend stärker zu ihrem Bruder hingezogen fühlt. Vor dem Hintergrund der Kriegswirren entsteht so eine fesselnde Geschichte von Hingabe und Enttäuschung, ein psychologisches Kammerstück voller Spannung über das Verlangen und die Liebe.

Marguerite Yourcenars „Der Fangschuß“ (1939) wurde 1976 von Volker Schlöndorff verfilmt und zählt zu den bekanntesten Romanen der Autorin.

Yourcenar schafft es, das Geschehen einerseits in der Geschichte zu verankern und andererseits völlig herauszulösen aus jeglicher Geschichtlichkeit. Ihre Personen treten aus ihrer Zeit heraus und werden fast schon schicksalshafte, allgemeingültige Figuren.

Dabei muß man sagen, daß die im Klappentext angedeutete Ménage à Troi eigentlich keine ist, denn Konrad von Reval tritt gleichsam in den Hintergrund. Eigentlich stehen sich Erich von Lhomond und Sophie von Reval gegenüber, die sich beide achten, beide sogar lieben (wenn auch beide auf völlig andere Art) und sich doch am Ende gegenseitig vernichten.

Die tiefgründige Charakterisierung der Protagonisten, die interessanterweise aus der Ich-Perspektive von Erich von Lhomond geschieht, ist schlicht überwältigend. Dabei begreift man als Leser nicht so recht, wie Yourcenar das schafft, es geschieht einfach, völlig unbemerkt, völlig natürlich. (Und ist nicht gerade das die größte Kunst?) „Der Fangschuß“ ist eines der Bücher, die man nicht aus der Hand legen kann, die viel zu kurz sind (und es ist wirklich kurz, keine 100 Seiten lang), und doch an die Grenze des Erträglichen schrammen.

Großartig, einfach nur ganz große Literatur. Lesen! Unbedingt lesen!

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