Die Angst des Tormanns beim Elfmeter

Die Angst des Tormanns beim Elfmeter von Peter Handke

Die Angst des Tormanns beim Elfmeter von Peter Handke

Von einem Tag auf den nächsten ist nichts mehr so, wie es war. Der Monteur Josef Bloch, früher einmal ein bekannter Torwart, wird wortlos entlassen – jedenfalls ist er eines Morgens fest davon überzeugt. Er verläßt seine Arbeitsstelle und spaziert ziellos durch Wien. Alles stört ihn: Die Geräusche der Stadt sind zu laut, deren Grellheit irritiert ihn. Er flüchtet sich in ein dunkles Kino. Mitten im Film hört er eine Glocke läuten, doch er weiß nicht mehr, ob das Geräusch zum Film gehört oder ob es vom nahegelegenen Naschmarkt ins Kino hereindringt. Es ist, als sei die Welt mit einem Mal aus den Fugen geraten. Doch das ist noch nicht alles: Schon bald geschieht ein Mord …

Peter Handke erzählt in „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ (1970) die bedrückende Geschichte eines Menschen, der sich mit einem Mal nicht mehr zurechtfindet in der Welt. Er entwickelt eine Kriminalgeschichte, in der sich der Täter selbst auf die Schliche kommen will.

So banal die Handlung dieses Buches ist, so langweilig die handelnden Personen, so faszinierend ist es, den schizoiden Gedankengängen des Protagonisten zu folgen. Wenn ich faszinierend sage, dann meine ich nicht spannend oder etwas ähnliches. Im Gegenteil, das Buch an sich ist ziemlich öde. Ich habe lange gebraucht, es zu lesen und mußte mich manchmal sogar recht quälen dabei.

Wenn man „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ aber als psychologische Fallstudie betrachtet, dann findet man immer wieder Stellen, die einen wunderbaren Einblick in die gestörte Psyche Josef Blochs geben. Hier einige Kostproben:

Bloch wurde nervös. Einerseits diese Aufdringlichkeit der Umgebung, wenn er die Augen offen hatte, andererseits diese noch schlimmere Aufdringlichkeit der Wörter für die Sachen der Umgebung, wenn er die Augen geschlossen hatte! ‚Ob es daran liegt, daß ich gerade noch mit ihr geschlafen habe?‘ dachte er. Er ging ins Bad und duschte lange.

Was für eine Schlußfolgerung!

Plötzlich würgte er sie. Er hatte gleich so fest zugedrückt, daß sie gar nicht dazugekommen war, es noch als Spaß aufzufassen. Draußen im Flur hörte Bloch Stimmen. Er hatte Todesangst. Er bemerkte, daß ihr eine Flüssigkeit aus der Nase rann. Sie brummte. Schließlich hörte er ein Geräusch wie ein Knacken. Es kam ihm vor, wie wenn ein Stein auf einem holprigen Feldweg plötzlich unten gegen das Auto schlägt. Speichel war auf den Linoleumboden getropft.

Die Beklemmung war so stark, daß er sofort müde wurde. Er legte sich auf den Boden, unfähig, einzuschlafen und unfähig, den Kopf zu heben. Er hörte, wie jemand von außen mit einem Tuch gegen den Türknauf schlug. Er horchte. Es war nichts zu hören gewesen. Also mußte er doch eingeschlafen sein.

Das ist die Beschreibung des Mordes. Fast hätte ich, da das ganze aus der Sicht Blochs geschildert wird, wie er nicht erkannt, daß da überhaupt ein Mord geschehen ist. Ich finde, es ist Handke hoch anzurechnen, wie stark er sich in die Gedankenwelt des schizoiden Protagonisten hineinfühlen kann. Wie gesagt, hochfaszinierend! Und trotzdem … irgendwie auch langweilig.

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