Traumnovelle

Traumnovelle von Arthur Schnitzler

Traumnovelle von Arthur Schnitzler

„Im Grunde Ihres Wesens sind Sie ein psychologischer Tiefenforscher, so ehrlich unparteiisch und unerschrocken wie nur je einer war“, schreibt Sigmund Freud in einem Brief an Arthur Schnitzler. Und recht hat er! Was uns in der „Traumnovelle“ begegnet ist nicht mehr und nicht weniger als ein psychologischer Blick auf eine scheinbar glückliche Ehe. Wobei der Klappentext einmal wieder völlig übertreibt:

Fridolin und Albertine führen eine scheinbar harmonische Ehe. Doch unter der Oberfläche rumort es. Beide werden von erotischen Begierden getrieben. Fridolin schmuggelt sich in eine mysteriöse Geheimgesellschaft ein, wo er eine leidenschaftliche Bekanntschaft mit einer unbekannten Schönen schließt. Hier werden Orgien gefeiert, wie sie sich der brave Fridolin zuvor nicht vorzustellen wagte. Doch er ist in Gefahr: Jeder Fremde muß die sexuellen Ausschweifungen mit dem Leben bezahlen, sollte er entdeckt werden. Von seiner Geliebten wird ein großes Opfer verlangt. Doch auch Albertine bleibt nicht lange die Unschuldige, Naive. In erotischen Träumen flüchtet sie in die Arme unbekannter Liebhaber, während Fridolin gequält wird. Durch ihre ungezügelten Begierden wird ihre Partnerschaft auf eine harte Probe gestellt.

Schnitzlers Novelle von 1926 war die Grundlage für Stanley Kubricks Film „Eyes Wide Shut“ mit Nicole Kidman und Tom Cruise in den Hauptrollen, der 1999 ein großer Publikumserfolg wurde.

Sicher, Fridolin macht Bekanntschaft mit einer unbekannten Schönen und sicher, er empfindet große Leidenschaft für sie. Aber mehr als dieses Empfinden ist da nicht. Auch nicht davor als ihn eine Hure anspricht. In der „Traumnovelle“ passiert Erotik und Leidenschaft ausschließlich da, wo sie am mächtigsten ist: Im Kopf. Und den beiden Eheleuten ist auch bewußt, daß diese geträumten Seitensprünge in ihrer glühenden Macht fast schon schlimmer sind, als alles andere. Am Ende des Buches finden sie wieder zusammen, der Traum ist vorbei. Man meint wirklich fast Freud zu hören, in ihrem abschließenden Dialog:

[…] „Was sollen wir tun, Albertine?“
Sie lächelte, und nach kurzem Zögern erwiderte sie: „Dem Schicksal dankbar sein, glaube ich, daß wir aus allen Abenteuern heil herausgekommen sind – aus den wirklichen und aus den geträumten.“
„Weißt du das auch ganz gewiß?“ fragte er.
„So gewiß, als ich ahne, daß die Wirklichkeit einer Nacht, ja daß nicht einmal die eines ganzen Menschenlebens zugleich auch seine innerste Wahrheit bedeutet.“
„Und kein Traum“, seufzte er leise, „ist völlig Traum.“
Sie nahm seinen Kopf in beide Hände und bettete ihn innig an ihre Brust. „Nun sind wir wohl erwacht,“ sagte sie – „für lange.“
Für immer, wollte er hinzufügen, aber noch ehe er die Worte ausgesprochen, legte sie ihm einen Finger auf die Lippen und, wie vor sich hin, flüsterte sie: „Niemals in die Zukunft fragen.“

Hier klingt auch an, was neben der interessanten psychologischen Geschichte, neben der Begierden und Traumspielen die besondere Faszination dieses Buches ausmacht: Schnitzlers Sprache. Es ist die Wollust seiner Fabulierkunst, die mich gefangen genommen hat. Schnitzlers Fähigkeit sowohl in ihrem Detailreichtum außerordentlich sinnliche Beschreibungen als auch spritzige Dialoge zu schreiben ist einfach überragend. Es ist eine pure Lust, dieses Buch zu lesen und sein einziger Nachteil ist, daß es (novellentypisch) einfach zu kurz ist. Nicht daß man während des Lesens diesen Eindruck gewinnt, im Gegenteil. Die Geschichte ist raffiniert konstruiert und perfekt erzählt. Aber beim Zuklappen des Buches habe ich bedauert, nicht noch mehr von Schnitzler im Haus zu haben.

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