Briefe gegen den Krieg

Briefe gegen den Krieg von Tiziano Terzani

Briefe gegen den Krieg von Tiziano Terzani

Der langjährige Fernost-Korrespondent des SPIEGEL bereiste Krisengebiete in Indien, Pakistan und Afghanistan und schildert aus persönlicher Beobachtung die verzweifelte, wütende Stimmung in den Ländern, die stellvertretend für die muslimische Welt stehen. In seinen Reportagen warnt Terzani eindringlich davor, im Kampf gegen den Terrorismus bedenkenlos moralische Werte zu opfern.

„Briefe gegen den Krieg“ ist eines dieser Bücher, das man jedem Staatsmann zur Amtseinführung überreichen müßte. Und natürlich müßte man dieses Buch (oder ähnliche) auch in den Schulen besprechen und selbst immer wieder lesen. Denn Tiziano Terzani zeigt hier sehr deutlich, was Journalismus eigentlich sein sollte (und das, obwohl er ja im Prinzip schon im Ruhestand war als er diese Briefe geschrieben hat): Ein Blick hinter die Dinge, ein Aufspüren von Zusammenhängen, ein Hinterfragen der politischen Wahrheit.

1938 geboren und eigentlich schon seit 1997 im verdienten Altersruhestand, waren es die Ereignisse nach dem 11. September 2001, die den langjährigen Asienkorrespondenten Terzani noch einmal in Bewegung versetzt haben. Er, der die Verhältnisse im nahen und ferneren Osten kannte wie kaum ein zweiter, schreibt am 14. September 2001 einen Brief, der im „Corriere“ veröffentlicht wurde, in dem er die Menschen auffordert, diesen Anschlag als Chance zu begreifen, sich endlich mit den Problemen des Islam auseinanderzusetzen, die islamischen Gegenüber und ihre Sorgen endlich ernst zu nehmen. Ihm wurde widersprochen, heftigst sogar. Daraufhin macht er sich noch einmal auf, reist auf eigene Faust nach Pakistan und Afghanistan, redet mit den Menschen, begibt sich in Gefahr, versucht Stimmungen einzufangen, aufzuspüren, was in dieser Zeit sonst kaum ein Journalist zu schreiben wagt.

Die Briefe, die er auf seiner Reise an den Herausgeber des „Corriere“ geschrieben hat (und die nur teilweise veröffentlicht wurden), sind vor allem eins: Briefe für den Frieden. Terzani versucht die Seite der Taliban, der Afghanen, des Islams zu sehen, ohne sich zum Helfershelfer der Gewalt machen zu lassen. Im Gegenteil betont er immer wieder, daß auch ihm der Islam in vielem unverständlich, ja sogar unheimlich ist. Trotzdem spürt man, daß er einen tiefen Respekt und ein teilhabendes Verständnis für diese Menschen hat. Ja, er versteht, aber er entschuldigt nicht. Gewalt, egal von welcher Seite, heißt Terzani nicht gut. Aber er macht unermüdlich deutlich, daß die Wahrheit, die uns durch unsere Medien vermittelt wird, nicht die alleinige Wahrheit ist.

Für mich am beeindruckendsten ist die von ihm aufgeworfene Frage nach Fortschritt und Zivilisation. Bringt der Westen den Ländern Klein- und Mittelasiens tatsächlich den Fortschritt? Wollen die das überhaupt? Wieso gehen wir so einfach davon aus, daß eine Welt, eine Kultur, die wir für gut befinden, andere Menschen auch für gut befinden müssen. Vielleicht ist deren Zivilisation einfach anders als unsere. Und vielleicht ist sie deshalb nicht schlechter (vielleicht sogar besser).

Schade, daß dieser so intelligente wie weise Mann nicht mehr unter uns weilt. Am 28. Juli 2004 ist Tiziano Terzani leider verstorben.

Neugierig geworden bin ich übrigens durch „Briefe gegen den Krieg“ auf ein Buch, das Terzani erwähnt („Die Kunst, nicht regiert zu werden“ von Ekkehart Krippendorff), und auf einen Mann, vor dem er sichtbar großen Respekt hatte: Badshah Khan, den moslemischen Mitstreiter Ghandis.

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