Wiedersehen in Howards End

Wiedersehen in Howards End von Edward M. Forster

Wiedersehen in Howards End von Edward M. Forster

England zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, kurz vor dem Beginn des Ersten Weltkriegs: In Howards End, nicht weit von London entfernt, liegt das Landhaus der Familie Wilcox. Hier kommt es zu einer Affäre zwischen Paul, dem jüngsten Sohn der Familie, und Helen Schlegel, die nur kurz zu Besuch ist. Doch die gegenseitige Anziehung währt nicht lange, denn schon bald merken die beiden, daß sie eigentlich nicht zueinander passen. Während Paul in der Tradition seiner nüchternen, tatkräftigen Familie steht, ist Helen die feinfühlige, kultivierte Tochter eines deutschen Idealisten und einer Engländerin. Doch auch wenn ihre Liaison nur von kurzer Dauer ist, so kreuzen sich ihre Wege immer wieder. Nach dem Tod seiner Frau freundet sich Pauls Vater, Mr Wilcox, mit Helens Schwester Margaret an. Gegen den Willen der beiden Familien heiraten sie schließlich. Schon bald kommt es jedoch zum Eklat, als Margaret die nach einem Aufenthalt in Deutschland schwanger zurückkehrende Helen ins Landhaus der Familie Wilcox aufnehmen will. Das Haus in Howards End wird zu einem Mikrokosmos der Intrigen, verletzten Gefühle, des Mißtrauens – und schließlich der Versöhnung.

Nach „Zimmer mit Aussicht“ und „Auf der Suche nach Indien“ ist „Wiedersehen in Howards End“ (1910) Forsters bekanntester Roman. 1992 wurde er von James Ivory mit Anthony Hopkins, Vanessa Redgrave, Helena Bonham Carter und Emma Thompson in den Hauptrollen erfolgreich verfilmt.

Klingt auf den ersten Blick ganz wie ein typischer Gesellschaftsroman, nicht wahr? Man fühlt sich an Fontanes „Effi Briest“ oder Goethes „Die Wahlverwandtschaften“ erinnert. Und der Stil von „Wiedersehen in Howards End“ ist auch sehr typisch für diese Gattung. Behäbig schreitet die Handlung fort, es wird viel geplaudert, Tee getrunken und sich generell sehr schicklich benommen. Zumindest auf den ersten Blick also ein altmodischer und etwas langweiliger Roman.

Was „Wiedersehen in Howards End“ und generell alle Bücher von Forster aber auszeichnet und von anderen Gesellschaftsromanen unterscheidet ist seine Grundhaltung. Bei Forster „gewinnt“ am Ende nämlich nicht die Gesellschaft, die Moral, die Norm. Nein, in Forsters Romanen wird das Aufbegehren gegen die Gesellschaft und das Beharren auf den eigenen Weg belohnt. Zutiefst menschlich und modern in seiner Auffassung läßt der Autor seine Figuren aus den starren Verhaltensmaßregeln, die ihnen auferlegt werden, ausbrechen. Für ihn steht der Mensch im Vordergrund, jeder Mensch, und jeder Mensch hat bei Forster das Recht, nach seiner Fasson glücklich zu werden.

Wie ein 1879 geborener und mit seiner klassischen Erziehung (Studium in Cambridge) so typischer Engländer zu einer solch „unenglischen“ Haltung kommen konnte? Wie er ein so überzeugter Humanist und Demokrat werden konnte, daß er sogar aus Überzeugung 1949 die Erhebung in den Adelsstand ausschlug? Vielleicht gibt sein erst posthum veröffentlicher Roman „Maurice“ darauf eine Antwort. Für mich Forsters bestes Werk. Eventuell werde ich ihn hier demnächst einmal besprechen.

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