Die Stimmen von Marrakesch

Die Stimmen von Marrakesch von Elias Canetti

Die Stimmen von Marrakesch von Elias Canetti

Marrakesch – eine Stadt mit einem Namen wie eine Verheißung. Das singende Stimmengewirr der farbenprächtigen Märkte, orientalische Gerüche, Kameltreiber, Straßenverkäufer, aber auch Bettler und Blinde – all das findet Elias Canetti auf seiner Reise in die fremdartige, faszinierende Stadt. Dabei begleitet er in den Fünfzigerjahren eher aus Zufall ein Filmteam in diese Welt, die märchenhaft und rätselhaft zugleich wirkt. Er kehrt zurück nach London, doch die Erinnerung läßt ihn nicht mehr los. Schließlich beginnt er, in kurzen literarischen Skizzen die rätselhafte Stadt in ihrer ganzen Sinnlichkeit und Lebendigkeit zu beschwören. So erwachen vor dem Auge des Lesers die arabischen und jüdischen Viertel, die Kamelmärkte, die feilschenden Händler und die Prostituierten gleichsam zu neuem Leben.

Canettis Aufzeichnungen „Die Stimmen von Marrakesch“ (1968) sind kein Reisebericht im traditionellen Sinn. Vielmehr sind sie literarische Momentaufnahmen, die in immer neuen Versuchen den flüchtigen Charme Marrakeschs einfangen und am Ende ebenso viel über den bezauberten Schriftsteller verraten wie über die Stadt, die ihn in ihren Bann gezogen hat.

Anders als es der Klappentext andeutet, ist „Die Stimmen von Marrakesch“ (14 Jahre nach dem Aufenthalt in der Stadt entstanden) aber kein Reisebericht. Vielmehr sammelt Canetti hier Fragmente und Eindrücke aus einer ihm völlig fremden Welt. Manchmal märchenhaft, immer faszinierend, stets mit ein wenig Wehmut und oft amüsant bringt er uns so Marrakesch näher, seine Bewohner (ob menschlich oder tierisch), seine Straßen.

Canettis Marrakesch ist dabei keineswegs eine Stadt aus 1001 Nacht. Es ist dreckig, es ist korrupt und manchmal sogar beängstigend. Trotzdem oder gerade deshalb geht von der Stadt eine ungeheure Faszination aus. Dabei fällt mir angenehm auf, wie wertfrei der Autor berichtet. Er beobachtet und bringt uns diese Beobachtungen in einer wunderbar poetischen Sprache näher. Ein so faszinierendes Bild des Orients malt er uns, daß man am liebsten gleich die Koffer packen möchte:

‚Heute möchte ich unter die Gewürze gehen‘, sagt er sich und die wunderbare Mischung von Gerüchen steigt in seiner Nase auf und er sieht die großen Körbe mit dem roten Pfeffer vor sich. ‚Heute hätte ich Lust auf die gefärbten Wollen‘, und schon hängen sie hoch von allen Seiten herunter, in Purpur, in Dunkelblau, in Sonnengelb und Schwarz.

Fazit: Unbedingt lesen!

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