Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins von Milan Kundera

Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins von Milan Kundera

„Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ von Milan Kundera ist genau eines dieser Bücher, die ich aus eigenem Antrieb niemals gelesen hätte. Der Klappentext verrät uns:

Prag zur Zeit des Kalten Kriegs. In einem Restaurant begegnen sich der erfolgreiche Chirurg Tomas und die Serviererin Teresa. Zwischen den beiden entwickelt sich eine innige, wilde Liebe, die aber immer wieder unter Tomas‘ unzähligen Affären mit anderen Frauen leidet. Teresa, der eine Unterscheidung von Sexualität und Liebe fremd ist, trifft seine Untreue tief ins Herz. Dennoch heiraten sie und ziehen nach der gewaltsamen Niederschlagung des Prager Frühlings in die Schweiz. Doch dort lebt bereits die Malerin Sabrina, ebenfalls eine tschechische Emigrantin und eine der Geliebten von Tomas. Schließlich hält es Teresa nicht mehr aus: Sie will zurück in die Tschechoslowakei. Tomas sieht sich vor die Wahl gestellt, entweder die politische Freiheit in der Schweiz zu genießen und dort seine Karriere als Arzt voranzutreiben oder Teresa und damit seiner Liebe zu folgen …

Dieser Roman ist, vielleicht mehr noch als seine anderen, Kunderas Roman von der Liebe: „… die Traurigkeit eines einzigen Traumes von Teresa, die konnte er nicht erfragen. Er stellte sich ihren Tod vor. Sie war tot und hatte Alpträume; da sie aber tot war, konnte er sie nicht wecken. Ja, das ist der Tod: Teresa schläft, hat Alpträume, und er kann sie nicht erwecken.“

Für mich klang das immer nach einer tragische Liebesschmonzette, nach Rosamunde Pilcher oder ähnlichem Mist. So etwas würde ich im Normalfall noch nicht einmal lesen, wenn man mir etwas dafür bezahlen würde. Jetzt aber hatte ich mir vorgenommen, alle Bücher der SZ-Bibliothek zu lesen und das war nun einmal das erste. (Und es wäre schon ziemlich schlechter Stil gewesen, wenn ich gleich beim allerersten der Bücher mein Vorhaben aufgegeben hätte, oder?) Ich schlug also das Buch auf und fand … das:

Die ewige Wiederkehr ist ein geheimnisvoller Gedanke, und Nietzsche hat damit manchen Philosophen in Verlegenheit gebracht: alles wird sich irgendwann so wiederholen, wie man es schon einmal erlebt hat, und auch diese Wiederholung wird sich unendlich wiederholen! Was besagt dieser widersinnige Mythos?

Ich war fasziniert. Was ist das für ein Schriftsteller, der eine Liebesgeschichte mit Nietzsche anfängt? Aber nicht nur das! Kundera wechselt ständig zwischen den Erzählperspektiven, mal betrachtet er seine Charaktere von außen, mal nehmen wir die Welt durch die Augen der Protagonisten wahr. (Der Profi nennt das Wechsel zwischen auktoritaler und personaler Erzählsituation.) Auch springt er innerhalb des Erzählstranges hin und her. Kaum haben wir Tomas kennengelernt, kurz nachdem er Teresa das erste Mal länger begegnet ist, schon sind wir mit ihm in der Schweiz an der Stelle, an der er überlegt nach Prag zurückzukehren.

Doch das ist noch nicht alles! Im ersten Teil lernen wir die Charaktere kennen, mit all ihren Schwächen und Stärken. Wir fühlen mit ihnen und schon sind sie dabei, für uns „real“ zu werden, oder zumindest so real wie Figuren in einem Buch werden können. Und dann der Beginn des zweiten Teils:

Es wäre töricht, wenn ein Autor dem Leser einreden wollte, seine Personen hätten tatsächlich gelebt. Sie sind nicht aus einem Mutterleib geboren, sondern aus ein paar suggestiven Sätzen oder einer Schlüsselsituation. Tomas ist geboren aus der Redewendung „Einmal ist keinmal“, Teresa aus einem rumorenden Magen.

Und spätestens seit diesem Abschnitt habe ich das Buch geliebt. Kundera erzählt hier nicht nur eine (bezaubernde) Liebesgeschichte, nein, er läßt uns auch an einem erzählerischen Experiment teilhaben. Sein Buch ist anders als die meisten Bücher, und wer Spaß an experimentellem Schreiben und Erzählen hat, der sollte es unbedingt lesen.

Advertisements

Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: