Der Vorleser

Der Vorleser von Bernhard Schlink

Der Vorleser von Bernhard Schlink

Sie ist reizbar, rätselhaft und viel älter als er … und sie wird seine erste Leidenschaft. Eines Tages ist sie spurlos verschwunden. Erst Jahre später sieht er sie wieder – als Angeklagte im Gerichtssaal. Die fast kriminalistische Erforschung einer sonderbaren Liebe und bedrängenden Vergangenheit.

Was uns der Klappentext hier verschweigt ist, daß Hanna Schmitz, die Geliebte des jungen Vorlesers, nicht wegen irgendeines Prozesses vor Gericht steht. Nein, sie ist angeklagt, Aufseherin in einem KZ gewesen zu sein, und noch dazu auf dem letzten „Todesmarsch“ die Häftlinge (allesamt Frauen) nicht aus einer bombardierten brennenden Kirche befreit zu haben.

Aus dieser Enthüllung heraus, aus diesem Konflikt, wirft Schlink in „Der Vorleser“ die elementaren Fragen auf, die alle Nachgeborenen zu diesem Thema bewegen. Dabei bleibt er nicht bei dem üblichen „wie kann ein Mensch so etwas tun?“ stehen, er geht weiter. Seine Fragen rühren tief an die Grundfesten unserer moralisch-ethischen Überzeugungen. Darf ich überhaupt versuchen, die Täter als Menschen zu sehen? Relativiere ich dadurch nicht ihre Verbrechen? Wie gehe ich mit den Tätern um nachdem sie ihre Schuld abgebüßt haben? Kann man diese Schuld abbüßen? Kann ein menschliches Gericht diese Schuld überhaupt be- und verurteilen? Und nicht zuletzt: Wenn ich jemanden liebe oder geliebt habe, der sich schuldig gemacht hat, mache ich mich dann mitschuldig?

Schlink macht es sich nicht einfach. Er gibt keine Antworten, sich nicht, dem Leser nicht. Hanna Schmitz ist tatsächlich sogar eine sympathische Figur, man kann vieles von dem nachvollziehen, was sie getan hat. Und doch: kann man es wirklich? Denn wenn diese ganz normale Frau diese grauenhaften Dinge getan hat, hätte sie jeder tun können.

Hätte ich sie tun können?

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