Hundert Jahre schwul

Hundert Jahre schwul herausgegeben von Elmar Kraushaar

Hundert Jahre schwul herausgegeben von Elmar Kraushaar

Ich bin mit großen Erwartungen an das Buch „Hundert Jahre schwul“ herausgegeben von Elmar Kraushaar herangegangen, verspricht es doch einiges im Klappentext:

Hundert Jahre schwul. Eine Revue der Geschichte und Geschichten, der Vorurteile und Bekentnisse.

Die penetrante Weigerung, Homosexuellen mehr zuzugestehen als ein anderes Sexualverhalten, das mal als krimineller Akt, unheilbare Krankheit oder psychischer Defekt bewertet wurde, hat sie nie daran gehindert, ein eigenes soziales Leben zu entwickeln, mit einer Kultur, die ihren Besonderheiten entspricht, und einem Lebensgefühl, das in seiner Mischung aus Minderwertigkeitsgefühl und Größenwahn, Anpassung und Rebellion, Humor und Phantasie immer mehr war und ist als nur eine Reaktion auf die gesellschaftlichen Verhältnisse.

Mit anderen Worten, ich hatte mir, wie auch im Vorwort von Elmar Kraushaar angesprochen und bemängelt, erhofft, eine Zusammenstellung bzw. Darstellung schwuler Kultur über die Unterdrückung hinaus, ja über die Zwänge der Gesellschaft hinweg zu bekommen. Leider ist das ganz und gar nicht so, im Gegenteil, die meisten Artikel handeln von der Unterdrückung oder bedienen (teilweise sogar recht plump) Klischées.

Schade vor allem, daß zwar die Chronik an den Seitenrändern (eine wirklich unglückliche Platzierung, das hätte ich mir kompakter gewünscht, so muß man ständig hin und her blättern) von 1897 bis 1997 geht, die Artikel selbst aber auf schwule Geschichte erst ab der Weimarer Republik bzw. verstärkt dann ab der Nazizeit eingehen.

Dabei sind einige der Artikel wunderbar informtiv, vor allem „Das Dritte Reich der Homosexuellen“, über die Darstellung der Nazis in der Exilpresse, „Unzucht vor Gericht“, über die Situation homosexueller Männer in den 50ern, „‚Schwul‘ ist parlamentsfremd“, über die Arbeit eines schwulen Abgeordneten im Berliner Abgeordnetenhaus und das abschließende (recht wissenschaftliche) „Von der schwulen Identität, die nicht aufhört aufzuhören“ habe ich mit großem Interesse gelesen. Aber auch in vielen anderen Artikeln und gerade auch in der Chronik blitzen immer wieder Perlen des Wissens und der Menschlichkeit auf.

Trotzdem wurde hier, meiner Meinung nach, die große Chance verspielt, schwule Kultur, schwules Leben in einen größeren Zusammenhang zu bringen. Sicher ist und war die Unterdrückung ein großes Thema. Aber wie soll man Identität darüber hinaus schaffen, wenn selbst in einer solchen Publikation keine oder kaum Positivbeispiele aus der Geschichte dargestellt werden? Schade, wirklich schade.

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