Kassandra

Kassandra von Christa Wolf

Kassandra von Christa Wolf

Kassandra, die „Seherin“, ist die schillerndste Frauenfigur der griechischen Mythologie: Sie sagte dem übermächtigen Troja den Untergang voraus, wurde nicht gehört und mußte ihre Prophezeiung mit dem Leben bezahlen. Christa Wolf hat ihre eigene Kassandra erfunden, an einem unbestimmten Ort zu einer unbestimmten Zeit: eine am Ende gescheiterte Heldin, die sich gegen die Gewalt der Diktatur und die Macht der Männer auflehnt, nur ihrer eigenen Überzeugung verpflichtet.

Corinna Harfouch braucht für die „Kassandra“ viele Stimmen: die der kühnen Heldin, die der einsamen Visionärin, der verstoßenen Tochter, der politisch Verfolgten und der tragisch Gescheiterten. Corainna Harfouch hat all diese Stimmen. Das ist virtuos.

Der erste Teil des Klappentextes ist einmal wieder großer Müll. Um „Kassandra“ von Christa Wolf wirklich würdigen zu können, sollte man sich nämlich gut im klassischen Stoff des Homer auskennen. Sonst wird man von der Fülle der Namen und Ereignisse, die schon in der ersten Viertelstunde auf einen niederprasseln einfach erschlagen.

Ist man aber gut mit den Geschehnissen und Protagonisten des Trojanischen Krieges vertraut, kann man sich auf Wolfs Kassandra einlassen, die nach dem Fall Trojas in der Gefangenschaft in Mykene (soviel zu „an einem unbestimmten Ort zu einer unbestimmten Zeit“) in Erwartung ihrer Hinrichtung auf ihr Leben zurückblickt. Es ist ein sehr persönlicher Blick auf diese Frau, die sich nun endlich eingesteht, was sie in ihrem Leben falsch gemacht hat oder was sie hätte anders machen können.

Dabei springt die Ich-Erzählerin von Ereignis zu Ereignis, von Person zu Person, und es ist große Konzentration erforderlich, um zu folgen. Schafft man es, diese Konzentration zu halten, wird man belohnt mit einem ungeheuer faszinierenden und an vielen Stellen schmerzhaft aufwühlenden Werk. Viele der Themen, die hier angesprochen werden, sind (natürlich) modern: menschliches Verhalten, menschliche Schwächen, der Umgang mit Autorität, politische Ränke, Männer, Frauen … um nur einige zu nennen.

Corinna Harfouch liest dieses Hörbuch mit einer Intensität, die an manchen Stellen fast schon unerträglich gut ist. Tatsächlich mußte ich zweimal eine Pause einlegen, die CD anhalten und einfach durchatmen, bevor ich weiterhören konnte. Absolut zu empfehlen!

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