Tsugumi

Tsugumi von Banana Yoshimoto

Tsugumi von Banana Yoshimoto

Banana Yoshimoto ist mir schon lange ein Begriff. Denn wer hat auch noch nicht von der jungen japanischen Schriftstellerin gehört, die mit „Kitchen“ ein fulminantes Debüt hingelegt hat und als neue, junge, wilde Stimme Japans gilt. Gelesen hatte ich bisher aber noch nichts von ihr. (Ich gebe zu, wenn ich vor dem Japanregal in meiner Buchhandlung gestanden habe, hat es mich dann eben doch wieder unweigerlich zum göttlichen Murakami gezogen, da war einfach nichts zu machen.)

Jetzt aber, da ich endlich eines von Yoshimotos Büchern gelesen habe, werde ich ganz sicher noch weitere Bände von ihr lesen und auch kaufen. „Tsugumi“ ist nämlich ganz wunderbar! Worum aber geht es? Darum:

Ein kleiner Ort auf der Halbinsel Izu. Zwei Mädchen, die auf Izu eine idyllische Kindheit verbracht haben, erneuern hier jeden Sommer ihre Freundschaft: Die Ich-Erzählerin Maria und die wilde, etwas verrückte Tsugumi, deren Temperament nicht so recht zu ihrer fragilen Gesundheit passen will.

Es ist der letzte Sommer einer engen Mädchenfreundschaft. Und auch die Inselidylle nimmt ein jähes Ende. Denn im Ort wird ein großes Hotel gebaut, das den Ruin der kleinen Gasthöfe bedeutet. Tsugumi lernt einen jungen Mann kennen, der im Ort heftig angefeindet wird. Er scheint der einzige, der das eigenwillige Mädchen zu erobern vermag. Aber die zarte Liebesgeschichte endet beinahe in einer Katastrophe.

Tsugumi ist vielleicht Bananas schillerndste, schrägste und liebenswürdigste Figur. Und ihre Streiche und Extravaganzen können nicht vertuschen, daß sich im Grunde wieder alles um die Sehnsucht dreht.

Wie schon so oft könnte ich mich über den Klappentext ziemlich aufregen. Es sind nämlich nicht zwei Mädchen, um die es geht, sondern um drei (Tsugumi, Maria und Yoko), der junge Mann (Kyoichi) wird nicht von allen angefeindet sondern nur von einigen (und da er der Sohn des Besitzers des neuen großen Hotels ist, auch nicht so ganz ohne Grund), die Liebesgeschichte endet nicht beinahe in einer Katastrophe sondern etwas ganz anderes, und die Mädchen erneuern auch nicht jeden Sommer ihre Freundschaft, sondern sind zusammen aufgewachsen und verbringen jetzt einen letzten Sommer gemeinsam im Dorf auf Izu, da Maria mittlerweile in Tokyo lebt und studiert und ihre Cousinen, die Schwestern Tsugumi und Yoko bald aus dem Dorf in die Berge ziehen werden.

Aber zumindest in einem hat der Klappentext recht, es geht um Sehnsucht. All das ist nämlich eigentlich nur Kulisse. Denn „Tsugumi“ ist vor allem ein Buch über das Erwachsenwerden. Die drei Mädchen brechen zu neuen Ufern auf, sie verändern sich und blicken dabei sehnsüchtig zurück auf den sicheren Hafen ihrer Kindheit. Das kleine Dorf am Meer, das Gasthaus das Yokos und Tsugumis Familie betreibt, werden dabei gleichsam zum Symbol der Kindheit.

Banal und schon oft da gewesen? Ja, sicher. Das Besondere an Yoshimotos Buch ist aber auch nicht das Thema. Das Besondere an „Tsugumi“ ist die Sprache. Unendlich poetische Beschreibungen wechseln sich ab mit flapsiger Jugendsprache. Trockene Kommentare stehen neben kitschiger Wehmut. Und niemals, an keiner Stelle, ist das Buch langweilig.

Tsugumi, der Titelheldin des Buches, kommt im übrigen nicht nur deshalb eine ganz besondere Stellung zu. „Tsugumi, das bin ich“, schreibt Yoshimoto in ihrem Nachwort. „Wer könnte dieses schreckliche Mädchen auch anders sein?“ Also lassen wir die extravagante, herzzerreißende, bezaubernde Tsugumi doch einmal zu Wort kommen:

„Schnauze! Halt’s Maul, und hör zu: Also: ich will ’n Typ werden, der Pünktchen ohne mit der Wimper zu zucken schlachten und auffressen kann, wenn es wirklich nichts mehr zu fressen gibt. Und natürlich nicht so’n inkonsequenter Blödmann, der sich nachher im stillen die Augen ausheult, der ‚Pünktchen, danke für alles!‘ und ‚Tut mir furchtbar leid‘ sabbert, ein Grab für den Köter schaufelt und sich aus einem seiner Knöchelchen ein Medaillon machen läßt, daß er dann immer um den Hals trägt. Wenn schon, dann will ich einer werden, der nicht bereut und auch kein schlechtes Gewissen kriegt, sondern wirklich ganz cool mit einem Grinsen sagt: ‚Hast ganz vorzüglich geschmeckt, Pünktchen!‘ – Ganz theoretisch gesprochen jetzt, nur, falls eine Hungersnot kommt…“

Muß man sie nicht einfach lieben?

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