Hotel Iris

Hotel Iris von Yôko Ogawa

Hotel Iris von Yôko Ogawa

Die Geschichte einer Affäre zwischen einem jungen Mädchen und einem sehr viel älteren Mann – eine Beziehung voller Erniedrigung, Schmerz und Lust.

Das ist alles, was uns der Klappentext verrät. Danach findet man noch Bemerkungen von Rezensenten, welch „betörend-verstörender Roman“ das doch sei. Betörend? Ja. Verstörend? Nein! Es sei denn natürlich, man findet an der Beziehung eines jungen Mädchens zu einem alten Mann bzw. an SM etwas verstörend. Aber dann ist man deutlich selbst schuld, wenn man das Buch liest. So knapp der Klappentext auch ist, er warnt doch gekonnt vor beidem.

„Hotel Iris“ besticht durch präzise gezeichnete Charaktere. Das zwar zunächst unschuldig erscheinende, aber sich als äußerst raffiniert und willensstark erweisende junge Mädchen (merke: jemand, der masochistisch veranlagt ist, muß außerhalb des Schlafzimmers kein Waschlappen sein!), der in seiner Schüchternheit und Behutsamkeit wirklich bezaubernde alte Mann, die herrische Mutter, ja selbst die kleptomanische Zugehfrau, treten dem Leser außerordentlich lebendig entgegen.

Überhaupt hat es mir Ogawas Sprache angetan. In kurzen, lakonisch knappen Sätzen schildert sie treffsicher und deutlicher als das vielen mit elaborierten Satzkonstrukten gelingt. Zudem ist ihre Sprache von fast poetischer Eleganz und gleichzeitig voller unterschwelligem Humor. Für jemanden wie mich, die ich keinerlei masochistische Neigungen habe, ist es dabei besonders faszinierend, die Schilderungen der Erniedrigungen zu lesen. Auch wenn in mir dabei noch lange nicht der Wunsch geweckt wird, so etwas einmal auszuprobieren, wird doch vieles nachvollziehbar:

Mehr noch als der Schmerz berührten mich die von ihr hervorgebrachten Töne, die in ihrer erhabenen Reinheit dem Klang eines Saiteninstrumentes glichen. Die Peitsche fand ihren Weg auch zu den belanglosesten Körperteilen und ließ die verborgensten Organe und Knochen erstarren. Es war unglaublich, welche bezaubernden Schwingungen sie meinem Körper zu entlocken vermochte. Als ob sie in der tiefsten Höhle meines Körpers das klare Quellwasser zum Erzittern brachte.

Da bleibt einem eigentlich nur noch die Frage: Warum sind es immer nur die Bücher aus der Sicht von Masochisten, die eine solche Poesie entwickeln? Wieso können Bücher aus der Sicht von Sadisten nicht auch einmal so herzzerreißend schön sein? Müssen sich denn alle an den literarischen Namensgebern dieser Lüste orientieren? Und wieso habe ich eigentlich „Venus im Pelz“ noch nicht rezensiert?
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