Durch Bagdad fließt ein dunkler Strom

Durch Bagdad fließt ein dunkler Strom von Mona Yahia

Durch Bagdad fließt ein dunkler Strom von Mona Yahia

Als bei BookCrossing „Durch Bagdad fließt ein dunkler Strom“ als BookRing angeboten wurde, mußte ich natürlich gleich zuschlagen. Der Kombination aus Biographie und orientalischem Flair konnte ich einfach nicht widerstehen:

Im Stil einer modernen Scheherazade erzählt eine Jüdin von ihrer Jugend im Bagdad der sechziger Jahre und von den Erinnerungen an Schönheit und Widersprüchlichkeit einer fast vergessenen jüdisch-arabischen Welt.

Ich habe es auch keinesfalls bereut. „Durch Bagdad fließt ein dunkler Strom“ ist ein ausgezeichnetes Buch, und das in mehr als nur einer Hinsicht.

Zunächst einmal ist es eine wunderbare Biographie (die Ich-Erzählerin ist natürlich ein Alter Ego der Autorin Mona Yahia, es ist also im Prinzip wirklich eine Autobiographie). Die junge Lina ist eine scharfe Beobachterin, intelligent und phantasievoll. Gleichzeitig ist sie ein wenig … nennen wir es anders … als die Leute in ihrer Umgebung. Intensiver irgendwie, vielleicht auch zu sensibel. So beschließt sie zum Beispiel als Protest gegen die Unterdrückung durch die Regierung die arabische Sprache (ihre Muttersprache!) zu verlernen, indem sie sich in alphabetischer Reihenfolge immer mehr Wörter verbietet.

Charmant sind auch die vielen, teilweise skurrilen, aber allesamt liebevoll gezeichneten Figuren, die dieses Buch bevölkern. Linas abgedrehter Nachbar Dudi mit seinen verrückten Geschichten, der es liebt alle zu schockieren, ihr hochintelligenter Bruder Shuli, der eine lange Zeit in Haft sitzt, ihre lebenslustige beste Freundin Selma, die ihr immer mehr auf die Nerven geht, und für mich am sympathischsten, ihr ernster und hochsensibler Vater, der in seiner stillen Melancholie zum heimlichen Helden des Buches wird.

Groß ist das Buch zudem an den Stellen, an denen die orientalische auf unsere westliche Welt trifft. Die kompletten Episoden mit Linas Kindheitsfreund Laurence, einem jungen Engländer, sind durchzogen von amüsanten und nachdenklich stimmenden Begebenheiten. Der Junge, der versucht die arabische Welt zu entdecken und sich an den einfachsten Ereignissen in Flora und Fauna erfreut, trifft auf eine orientalische Bevölkerung, die in ihrer Hinwendung zur Moderne fast schon westlicher ist als er selbst. Gleichzeitig ergeben sich aus den kulturellen Unterschieden Situationen, die den Leser immer wieder zum Schmunzeln bringen. Muß doch zum Beispiel die arme Lina oft dürsten, weil Laurence Mutter einfach nicht versteht, daß es im Irak als höflich gilt, eine Einladung zum Essen oder Trinken zunächst einmal vehement abzulehnen.

Ein weiterer großer Pluspunkt sind für mich die Stellen, an denen auf die irakische Geschichte eingegangen wird. Ich mag es ja, wenn ich neue Dinge lerne, und gerade über die Entwicklung im Irak mit den Revolutionen und Gegenrevolutionen wußte ich bisher so gut wie nichts. Genau das selbe gilt für die jüdisch-arabische Kultur. Interessant zu beobachten, wo Linas Familie den arabischen Nachbarn ähnelt und wo die Unterschiede sind. Es ist traurig, daß die politische Entwicklung des letzten Jahrhunderts viel von dieser einzigartigen Kultur zerstört hat. Aber das gilt wohl leider auch für viele andere Kulturkreise, in denen Juden eine Heimat gefunden hatten.

„Durch Bagdad fließt ein dunkler Strom“ ist ein Buch, das ich jederzeit mit gutem Gewissen sowohl verschenken als auch für mich selbst kaufen würde. Alle Daumen nach oben für dieses wunderbar poetische Werk!

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